Wenn ich mit einer Figur nicht weiterkomme, dann lege ich ihr bewusst Steine in den Weg

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Wenn ich mit einer Figur nicht weiterkomme, dann ist das hin und wieder frustrierend. Auf der anderen Seite ist das eine hervorragende Möglichkeit, sie interessanter zu machen und somit der gesamten Geschichte mehr Schwung zu geben.

Die Figuren kommen zu mir, nicht andersherum

Ich weiß nicht, wie andere Autoren es halten, doch für mich gesprochen denke ich mir meine Figuren nicht aus. Sie sind nicht konstruiert und ich sitze nicht da und denke mir: „Mann, was für eine Person könnte da jetzt passen?“

Viel eher ist es so, dass meine Geschichten um meine Figuren herum passieren oder noch schöner formuliert: sich aus ihnen heraus entwickeln.

Manchmal sitze ich in der Umkleidekabine bei einem Städtetrip in London und warte darauf, bis meine Freundin den Vorhang öffnet, um mir ihr neues, potenzielles Outfit zu präsentieren. Dann steht da diese Frau, die etwas genervt aussieht. Sie schaut grimmig, hält eine Tasche in der Hand und hat diese fast schon neurotische Angewohnheit, diese Tasche alle paar Sekunden metronomartig in die andere Hand zu nehmen. Oft verliere ich mich in solchen Marotten. Das sind dann oft diese Situationen, in denen die Menschen merken, dass ich sie angucke – was mir gerade in der heutigen Zeit hin und wieder unangenehm ist.

Ich unterhalte mich auch liebend gern mit fremden Menschen in Warteschlangen, im Flur des Kinos oder in Flugzeugen. Besonders in Flugzeugen entstehen die interessantesten Gespräche. Vielleicht sind die Menschen noch höflicher zu dem merkwürdigen Kerl, der plötzlich Smalltalk anfängt, weil sie wissen, dass sie noch ein wenig Zeit mit ihm verbringen müssen.

Worauf ich hinaus will ist, dass die Geschichten, die wir so mögen, wenn auch nicht immer, durch Menschen vorangetrieben werden. Und die muss man sich nicht ausdenken – sie laufen in der ganzen Welt herum.

Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst

Wenn wir mal aus unseren eigenen Gedanken und Sorgen heraustreten, durch die Stadt gehen, uns an einen öffentlichen Ort setzen und einfach mal beobachten, dann finden wir eigentlich immer eine Figur und wenn wir Glück haben eine Geschichte. Vielleicht auch nur eine Szene.

Und wenn man sich vorstellt, dass diese Frau in der Umkleidekabine nicht einfach einen unspektakulären Tick mit ihrer Tasche hat, sondern sich darin 100.000 $ befinden, die sie von ihrem tyrannischen Ehemann geklaut hat und mit ihrem kleinen Sohn noch schnell neue Kleidung für die Flucht in ein anderes Land kauft, dann könnte ich eine Geschichte haben.

Aber Beobachten ist nur der Anfang

Doch hier ist der Haken, an dem ich – und vielleicht auch ihr – oft hängen bleibe: Eine interessante Figur zu haben, macht noch keine Geschichte.

Bleiben wir bei der Frau in der Umkleidekabine in London. Ich habe sie beobachtet. Ich habe ihr das Geheimnis mit den 100.000 Dollar in der Tasche angedichtet. Die Figur steht. Aber was nun? Wenn sie jetzt einfach zur Kasse geht, bezahlt und das Geschäft verlässt, habe ich zwar eine Charakterstudie, aber keinen Plot. Die Geschichte würde einfach vor sich hin plätschern.

Genau in diesem Moment, wenn ich merke, dass die Szene zu glatt läuft oder ich nicht weiß, was als Nächstes passieren soll, greife ich zu meiner metaphorischen Kiste mit Steinen.

Drugstore at night

Ich werfe ihr einen Stein vor die Füße

Ich frage mich ganz bewusst: Was ist das Unpassendste, was dieser Person in genau dieser Sekunde passieren könnte?

In meinem Kopf lasse ich die Frau zur Kasse gehen. Sie will schnell und unauffällig bezahlen. Also werfe ich den Stein: Das Kartenlesegerät funktioniert nicht. „Nur Barzahlung heute“, sagt die Kassiererin gelangweilt.

Jetzt muss meine Figur reagieren. Sie kann das Kleid nicht bezahlen, ohne das Bündel Scheine aus der Tasche zu holen, was sofort Fragen aufwerfen würde. Die Schlange hinter ihr wird unruhig. Der Ladendetektiv schaut schon rüber. Wird sie nervös? Wird sie aggressiv? Lässt sie das Kleid hängen und flieht, aus purer Paranoia, dass ihr Mann sie bereits gefunden hat?

Indem ich ihr diesen Stein in den Weg lege, zwinge ich die Handlung vorwärts. Ich muss mir nicht mühsam überlegen, wie es weitergeht – die Reaktion der Figur auf das Hindernis ist die Weiterführung.

Warum wir sadistisch sein müssen

Es fühlt sich manchmal falsch an, gemein zu den Figuren zu sein, die wir gerade erst liebgewonnen haben. Aber es ist notwendig. Warum genau dieser Widerstand das Herzstück jeder guten Story ist und weshalb wir ohne ihn keine Spannung aufbauen können, habe ich ausführlich in meinem Artikel „Die Kunst des Konflikts“ beschrieben. Dort gehe ich tiefer darauf ein, wieso wir erst mitfiebern, wenn für die Figur wirklich etwas auf dem Spiel steht.

Hier in der Praxis heißt das für mich: Wenn die Inspiration stockt, dann meistens deshalb, weil ich es meiner Figur zu leicht mache.

Also, wenn du das nächste Mal Leute beobachtest, dir eine Hintergrundgeschichte ausmalst und dann vor dem leeren Blatt sitzt: Sei nicht nett. Sei der Stein im Schuh deiner Figur. Sie wird fluchen, sie wird stolpern – aber genau in diesem Moment wird sie lebendig.

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