Seit ich vor ein paar Jahren begonnen habe, mich überhaupt mit dem Thema Finanzen auseinanderzusetzen, habe ich – wie wahrscheinlich die meisten Börsianer – eine wilde Achterbahn aus Strategie-Variationen mitgemacht. Es ist wie beim Sport: Anfänger testen die wildesten Trainings- und Ernährungspläne durch, nur um, wenn sie dranbleiben, mit der Zeit zu den Basics zurückzukehren und eine fast langweilig-stoische Trainingsphilosophie zu verfolgen.
Genauso gleite ich nach mittlerweile vier Jahren an der Börse langsam in dieses etwas „unbeeindrucktere“ Money Mindset hinein. In diesem Beitrag möchte ich meine Gedanken dazu teilen, was über solche Nischen hinaus wichtig ist, und versuchen, das gar nicht so sehr auf meine eigenen Themen zu begrenzen.
Der Essenzialismus – das Mutterschiff des Minimalismus?
Minimalismus war und ist ein stetig wachsender Trend. Wie jeder Trend hat auch die Bewegung des Minimalismus ihre Höhen und Tiefen. Doch scheint sich eine große Masse an Menschen nachhaltig dem rauschartigen Konsumverhalten unserer westlichen Welt abzuwenden und andere Dinge – weniger Dinge – als erfüllend zu betrachten.
Ich selbst war als Mann, der ständig Reizen ausgesetzt ist, fasziniert von der Idee, ein moderner Mönch zu werden, der nicht viel braucht. Doch die hedonistische Seite in mir schien plötzlich eine Art Crash-Diät zu machen. In mir schlummert tatsächlich ein kleiner Genussmensch. Weniger bei teurem Essen, auffälliger Kleidung und Supersportwagen – doch das Reisen, das Kino und die teuren Kaffeebohnen sind für mich ein elementarer Teil meines Lebens, auf den ich nicht verzichten möchte. Ich sage betont möchte, denn ohne Weiteres könnte ich schon darauf verzichten, da Verzicht an sich etwas Schönes haben kann (solange er freiwillig praktiziert wird).
Sprunghaft wie ich bin, schwankte das Pendel dann wieder in die andere Richtung: Ich habe mir eine Kamera gekauft, Lieferdienste in Anspruch genommen und das Geld kurz gesagt einfach rausgehauen.
Das hat mich noch viel weniger glücklich gemacht. Dieses kurze Gefühl, etwas Neues zu haben – oder sich mal wieder was gegönnt zu haben – fühlt sich mittlerweile an wie ein Kater nach der Weihnachtsfeier: Du hattest zwar ordentlich Spaß, versinkst aber am nächsten Tag in Grund und Boden, wenn die Kollegen die Videos in der WhatsApp-Gruppe teilen, in denen du geschmacklose Witze über den Chef gerissen hast.
Doch dann habe ich in einem Podcast von Matt D’Avella einem Gast zugehört, der ein Buch über Essenzialismus geschrieben hat.
„Was ist das schon wieder für eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird?“, dachte ich.
Als ich dann weiter zuhörte, schien es, als hätte ich meinen Sweetspot dieser Lifestyle-Philosophien gefunden: Essenzialismus.
Das, worauf es ankommt
Nagelt mich nicht fest, aber in meinem Verständnis des Essenzialismus geht es – wie der Name schon herleitet – darum, das Leben auf die essenziellen Dinge zu konzentrieren und diese auch wirklich mit Freude und Leidenschaft zu leben.
Alles andere darf dann gerne woanders stattfinden.
Bei mir sind es eben das Reisen und die finanzielle Freiheit. Dort fließt, neben den Fixkosten, der Großteil meines Geldes rein.
Ja, ich mache für 5.000 € im Jahr Urlaub, aber dafür kaufe ich meine Kleidung auf Vinted, ernähre mich hauptsächlich von Reis, Bohnen und Haferflocken und zelebriere diesen „Verzicht“ dann so richtig im Urlaub.
Andere reisen vielleicht gar nicht gerne und haben dafür einen 10.000 €-Computer auf ihrem Schreibtisch stehen, weil sie Videospiele lieben oder in der 3D-Animation so richtig aufgehen. Manche kaufen sich eine 3.000 €-Handtasche und sind so richtig in der Modewelt unterwegs. Und wieder andere gehen jedes Wochenende für 150 € feiern.
Nichts davon möchte ich verurteilen.
Die Freiheit, nichts zu kaufen
Wenn wir uns alle mal für eine Stunde hinsetzen, Zettel und Stift zur Hand nehmen und in einer ruhigen Session aufschreiben, was wir wirklich gerne jeden Tag tun würden, dann klammern wir alles andere aus und haben schon recht einfach unseren eigenen Essenzialismus definiert. Natürlich ist auch dies, wie die meisten Dinge im Leben, ein Prozess, aber das Grundschema ist gar nicht so schwer.
Am schönsten daran finde ich die Tatsache, dass du den Essenzialismus niemandem absprechen kannst. Das funktioniert einfach nicht. Beim Minimalismus hingegen heißt es oft klischeehaft: „Du darfst nur 100 Gegenstände haben.“
Und wenn es mein Ziel ist, die größte Bibliothek in der Nachbarschaft oder gar der ganzen Welt zu haben? Dumm gelaufen als Minimalist.
Ja, ich weiß, das Buchregal zählt für viele Minimalisten als ein Gegenstand. Kern meiner Aussage war jedoch, dass sich der Essenzialismus keinen starren Dogmen unterwirft.
Die größte Schwierigkeit darin besteht, dem Drang zu widerstehen, der Gesellschaft gerecht werden zu wollen. Und das ist weniger ein Verzicht, als eine echte Superkraft.
Am Ende zählt, was du für dich wählst
Diesen Noise auszublenden, dieses Mithalten mit der Masse und der Gehirnwäsche der Werbung, ist tatsächlich wie eine Erleuchtung.
Ich bin mittlerweile dabei, den Status zu erreichen, bei dem mir das alles wirklich vollkommen egal ist. Natürlich bleibt mein Lieblingsauto die Mercedes G-Klasse, weil sie für mich nach wie vor der perfekte Mix aus Eleganz und Abenteuer ist. Doch werde ich sie vielleicht nie fahren. Oder vielleicht doch. Ich brauche sie aber nicht. Manchmal habe ich sogar Angst davor, dass sie den Reiz verliert, wenn man damit jeden Tag zu Kaufland fährt und hin und wieder die „Eat the Rich“-Sticker vorsichtig abschaben muss.
Nein. Ich freue mich jedes Mal darüber, wenn 700 € in mein Portfolio fließen, ich den Zukunfts-Phil freikaufe und 300 € in mein Reisekonto gehen.
Meine Schwäche jedoch ist, dass ich keinen Notgroschen habe. Ich halte es nicht aus, Cash zu haben. Während ich das schreibe, merke ich gerade, dass da vielleicht auch noch etwas verborgen liegt…
Doch das ist ein Thema für einen nächsten Artikel.
Ich wünsche euch einen schönen ersten Advent und, falls das der einzige Artikel ist, den ihr dieses Jahr noch von mir lest, eine schöne Weihnachtszeit.


